Man kennt Mike Gerhold als Frontmann der Steven Stealer Band, mit der er schon so manche Halle gefüllt hat. Auf immer größer werdendes Interesse stoßen mittlerweile auch seine Solo-Auftritte. Nun hat er sein neues Album „Wild Times“ herausgebracht. Thomas Wirth konnte den Mann mit der markanten Stimme über seine Musik, seine Vergangenheit, seine Zukunft und den Menschen hinter dem Musiker befragen.

Hallo Mike! Danke, dass du dir für das Interview Zeit genommen hast. Du zählst zu den bekanntesten Gesichtern auf Nordhessens Rockbühnen. Wie lange machst du bereits Musik? Wie hat alles angefangen und wie bist du zur Musik gekommen?

Musik mach ich schon so lange, dass ich mich kaum noch daran erinnern kann, wie lange es her ist. Angefangen haben müsste es so um 1993.
Ich mochte Musik schon immer und wollte eigentlich schon so lange ich denken kann E-Gitarre spielen. Der Gesang kam eher später gezwungenermaßen – mangels Sänger – dazu, obwohl meine Großmutter behauptet, ich hätte als kleiner Junge bei Dieter Thomas Hecks Hitparade ihr Bügeleisen als Mikrofon missbraucht – keine Angst, es war offensichtlich nie an. Aber da ich nicht die notwendige Unterstützung hatte, die man als Jugendlicher benötigt, habe ich mir erst nach einem Ferienjob mit knapp 16 Jahren meine erste E-Gitarre kaufen können. Vorher hatte ich auf einer modifizierten Akustikgitarre – damit sie wie eine E-Gitarre klang – eines Freundes geübt.
Na ja, dann gab es die Abiband, dann meine erste richtige Band – wobei wir aber nur drei Akkorde konnten – und letztendlich dann meinen ersten Meilenstein „Dirty Minds“, mit denen ich beim englischen Produzenten und Ex-Live-Keyboarder von Hot Chocolate, Toby Sadler, drei CDs aufnahm, die sogar auf HR3 Hard´n heavy liefen.
Während der Produktion der zweiten CD, die erneut unter Labelvertrag stand, verstarb unser Schlagzeuger Octavio König nach einem Auftritt durch einen Autounfall. Darauf folgte eine lange Pause. Auf Vertragsdrängen des Plattenlabels wurde die damalige CD aber noch fertiggestellt.
2001 wurde noch das Album „Twilight“ in Eigenregie fertiggestellt. Danach war das Ende der Dirty Minds erreicht und ich schloss mich der Steven Stealer Band an.

Du hast schon einige Projekte hinter dir. Wie bereits erwähnt warst du Sänger der „Dirty Minds“ und Stefan Raab-Double. An welche Zeit denkst du besonders gerne zurück?

Projekte möchte ich es nicht nennen – außer das mit der Raab Doublelei, auf die hätte ich im Nachhinein gut und gern verzichten können. Es waren immerhin viele Jahre und viel Herzblut, um es als Projekt abzutun, aber leider hat alles mal ein Ende. Ich denke aber an jede dieser Zeiten gerne zurück, obwohl es da auch Zeiten mit Tiefgang gab. Im Großen und Ganzen bin ich glücklich über alles, wie es sich aus der Vergangenheit bis heute zugetragen hat, sonst wäre ich jetzt nicht da, wo ich bin und genau das ist entscheidend. Ich lebe im hier und jetzt und freue mich dessen.

Apropos Herzblut. Könnten die Dirty Minds irgendwann wieder gemeinsam auf der Bühne stehen?

Ausschließen möchte ich das nicht und vom spielerischen Können her ginge das sicher mit einer kurzen vorgeschalteten Probe, aber ich bin mit meinen Sologigs und vor allem aber auch der Stealer Band sehr glücklich. Daher halte ich es zumindest momentan eher für unwahrscheinlich.

Wie groß ist dein Repertoire an Stücken, die du singen kannst?

Ich bilde mir ein, aus einem Repertoire von knapp 250 Songs, bestehend aus Coversongs mit der Stealer Band sowie „solo und unplugged“-Songs, schöpfen zu können. Also alles in allem komme ich bei der Steven Stealer Band auf etwa fünf Stunden, solo und unplugged auf vier, natürlich nicht am Stück und so ganz ohne Notenblätter geht das in meinem Alter auch nicht mehr. Lacht.

Hast du Vorbilder? Welche Musiker haben dich inspiriert?

Ich muss gestehen, dass ich ein wenig respektlos bin. Dennoch gibt es natürlich Sänger und Bands die ich sehr verehre. Besonders hervorheben möchte ich hier Gotthard mit ihrem leider verstorbenen Sänger Steve Lee, den ich nahezu vergöttere.
Natürlich dürfen Iron Maiden, Pink Cream 69, AXXIS, AC-DC, Saxon, die ich im übrigens am 18.07.2015 bei Rock am Stück supporten werde, Doro Pesch, Jonas and the massive attraction, Black Sabbath, Van Halen, Whitesnake, Deep Purple, Guns N’ Roses und noch viele mehr nicht fehlen.

Dein für dich bester Auftritt – gibt es ein Highlight, an das du dich immer gerne erinnerst?

Jeder Auftritt ist ein Highlight und macht mir riesig Spaß, aber es gibt natürlich ein paar die ganz besonders hervorstechen. Zum Einen der Support von Doro Pesch – eine wunderhübsche Frau, super nett und geile Mucke. Ich bin immer noch hin und weg von Ihr.
Dann der Support von Sweet: Es war für mich etwas ganz Besonderes, eine Band zu supporten, die selbst meine Eltern noch kennen und toll finden. Vor allem, dass ich zum Sänger Pete noch Kontakt habe, ist stark. Erst vor zwei Tagen hat er mir geschrieben, dass er die neue CD „Wild times“ toll findet. Wörtlich: „Great stuff mate!“ Auch der Auftritt bei HR3 mit der Stealer Band war irre, der hat super Spaß gemacht. Aber auch die „kleinen“ Gigs wie etwa in der Alt-Berliner Destille in Kassel sind immer toll. Besonders erinnere ich mich natürlich auch an den Abschiedsgig der Dirty Minds in den Kasseler Nachthallen, der war wahnsinnig stark, aber hat auch sehr wehgetan.

Das neue Album „Wild times“ entstand in Kooperation mit Philipp Hieronymus. Wie ergänzt ihr euch?

Philipp ist der Komponist. Er komponiert, arrangiert und spielt die Songs letztendlich ein. Die Stimme liefere ich dann dazu. Die Texte von „Wild times“ kommen überwiegend von mir. Beim Erstwerk „caused by random“ hat Philipp noch einen Großteil der Texte geschrieben.

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Philipp war seinerzeit in Bad Zwesten in Kur, als ich dort einen Gig hatte und er mich sah beziehungsweise hörte. Seiner Meinung nach hatte ich die perfekte Stimme für seine zahlreichen Kompositionen. Etwas verhalten fragte er mich dann, ob ich mir vielleicht vorstellen könne, ein paar seiner Songs anzuhören und etwas dazu zu singen. Na ja, was dabei rauskam war letztendlich das Album „Caused by random“, das durch Zufall entstanden ist, und nun das Folgealbum Wild times.

Wie lange habt ihr an „Wild times“ gearbeitet? Wann und wo ist das Album entstanden? Wer hat daran mitgewirkt?

Mit Wild times haben wir so ziemlich direkt im Anschluss an „Caused by random“ gearbeitet. Immer so, wie es die wenige Freizeit hergab. Aus diesem Grund haben wir auch fast 1,5 bis 2 Jahre daran gearbeitet. Es handelt sich hier um ein reines Studioalbum. Mitgewirkt haben Philipp Hieronymus (Komponist und der eine oder andere Background-Gesang), Christine Foster (Background-Gesang) und meine Wenigkeit (Gesang, Background-Gesang und Gitarre bei den Songs Summersnow und Lovely pain). Zu guter Letzt haben wir das Album aber diesmal professionell von Michael Kamm endmischen lassen, was sich meiner Meinung nach klanglich mehr als nur gelohnt hat. Das Coverdesign geht auf meine Kappe mit Ausnahme des schönen Fotos der Freiheitsstatue, Dank an dieser Stelle an Svenja Beck.

Du lässt auf deinen Alben auch gerne deutsche Songs einfließen. Singst du lieber englisch oder deutsch?

Ich singe lieber englisch, da hört man die Versinger nicht so schnell. Die deutschen Texte sind von Philipp, ich hätte sie auf englisch geschrieben. Das einzige Lied, welches ich je auf deutsch geschrieben habe, ist „Hoffnungslos“ von den Dirty Minds. Das gibt es übrigens auf meiner Homepage mike-gerhold.de zum kostenlosen Download.

Denk zurück an das Vorgängeralbum „Caused by Random“. Inwiefern unterscheiden sich die Alben und die Musik. Bist du auf dem neuen Werk musikalisch „gewachsen“ oder ist es ein neues Konzept bzw. eine neue Idee?

Gewachsen kann man nicht sagen, von einem neuen Konzept kann man auch nicht reden, weil wir da nicht wirklich ein Konzept haben. Wir machen lediglich das, was uns Spaß macht und wovon wir überzeugt sind. Wir haben nur andere richtig gute Songs gemacht und versucht, das Ganze bis ins kleinste Detail auszureizen und sehr viel Liebe und sehr viel Emotionen – von der Musik bis hin zum Cover – hineingesteckt. Herausgekommen ist ein Album mit 16, wie ich finde, hammerstarken Songs und ein sehr rundes und gelungenes Werk, das sich hinter keiner großen Band verstecken braucht.

Wo siehst du deine musikalischen Stärken? Gibts es Schwächen?

Schwächen hat jeder Mensch. Stärken auch. Meine liegen einfach nur am Spaß an der Musik und dass ich das, was ich mache, möglichst vernünftig und mit einem hohen Anspruch an mich selbst verwirklichen will und immer noch etwas finde, was ich anders oder besser machen kann. Und natürlich mein Ehrgeiz. Besonders wichtig ist mir aber nicht nur mein eigener Spaß an der Musik, sondern dass ich das auch auf meine Zuhörer übertragen kann.
Meist bin ich ein sehr bauchlastiger Typ, sozusagen ein Gefühlsmensch, was der eine oder andere bei mir als Schwäche empfindet. Ich selbst finde, dass es genau das ist, was mich ausmacht. Eine meiner größten Schwächen ist, dass ich manchmal zu eifrig bin.

Du bist auf der Bühne zuhause, da hast du alles im Griff. Wie ist Mike Gerhold, wenn die Show vorüber ist?

Der Gleiche, der am liebsten auch alles im Griff hat. Aber das Leben spielt nun mal nicht immer so, wie man es will. Spaß beiseite, ich bin im Großen und Ganzen überall der gleiche Mike, denn bei mir ist alles echt und keine Show. Auch wenn ich zu Hause mal im Jogginganzug oder in der Kommunalpolitik mal mit Schlips und Anzug rumlaufe, so bin ich immer der gleiche Mike. Viele Menschen hatten im Laufe der Zeit, glaube ich, starke Probleme damit, dass zum Beispiel ein Rockmusiker auch Politik macht und umgekehrt, aber ich glaube, da mich mittlerweile viele Menschen kennen, sind diese Vorurteile weggefegt.
Ansonsten bin ich natürlich über jede freie Minute sehr dankbar, die ich mit meiner Familie und meinen Freunden privat verbringen kann, obwohl ich schon gestehen muss, dass sich meine Gedanken sehr, sehr, sehr oft um Musik drehen. Ich habe die gleichen Probleme, Sorgen und Freuden wie jeder andere auch, nur vielleicht ein wenig mehr um die Ohren.

Dein aktueller Lieblingssong? Welcher (selbst gesungene) Song ist aktuell dein Favorit?

Diese Frage ist gemein. Wenn ich singe, singe ich immer selbst und nicht Vollplayback. Lacht. Aber du meinst natürlich welche Eigenkomposition mein Lieblingssong ist.
Ich hab lange überlegt, welcher mein Lieblingssong ist. Für das Album Wild times kann ich das nicht beantworten, da ich alle super finde. Ich könnte höchstens drei Songs besonders hervorheben: „Call my name“, „The Stage“ und „The Fight“. Zum Einen, weil ich die Melodien sehr schön finde, zum anderen, da „Call my name“ etwas mit Freundschaft zu tun hat und die anderen beiden quasi mein Leben beschreiben.
In meiner Laufbahn der eigenen Songs würde ich auch noch „Hoffnungslos“ und „Going down to the river“ von den Dirty Minds und vom Album „Caused by random“ den gleichnamigen Song, weil da mein Sohn mitgemacht hat, dazurechnen. Sorry, einen einzigen Song kann ich dir hier einfach nicht nennen. Irgendwie liebe ich sie alle. Lacht.

Wie geht es weiter? Hast Du Pläne, die du uns verraten kannst?

Mike Gerhold und Schützling Lisanne Koll

Die CD Wild times lässt sich so schnell nicht überteffen, daher gönn ich mir, was Aufnahmen betrifft, erst einmal Ruhe und widme mich wieder den Livekonzerten.
Besonders Spaß macht es mir momentan das junge Nachwuchstalent Lisanne Koll zu fördern, die ich vor einem Jahr kennengelernt hab und der ich seitdem unter die Arme greife. Neben Soloauftritten und Stealer Band-Auftritten wird das eine meiner Hauptaufgaben sein.
Letzte Woche hatte ich das zweite Mal die Ehre einen gemeinsamen Gig mit Supertalent-Finalist und Freund Michael Holderbusch zu machen und auch hier denke ich, dass das ausbaufähig sein könnte. Mir schwebt da so eine Produktion mit Lisanne, Michael und mir und Songs von Philipp vor, aber das ist gerade nur so vor meinem geistigen Auge. Last but not least denke ich, dass mit der Stealer Band auch noch das ein oder andere Highlight ansteht. Erst kürzlich haben wir Barclay James Harvest supportet und am 21.11 stehen wir vor Albert Hammond auf der Bühne.

Wann sieht man dich demnächst in Kassel? Hast du schon feste Termine?

Das kann man wohl sagen. Am besten, da schaust du auf meiner Homepage mike-gerhold.de unter der Rubrik Termine nach. Vielleicht nur ein paar markante Termine in der Nähe:

05.06 Hessentag – Hofgeismar (13:00 – 15:00 Uhr Lisanne Koll, 15:00 – 17:00 Uhr Mike Gerhold)
20.06 Würzhaus Söhrehof – Fuldabrück (Mike Gerhold, Lisanne Koll)
25.06 Kreisfeuerwehrverbandstage – Elbenberg ab 19:30 Uhr (Mike Gerhold, Michael Holderbusch)
18.07 Rock am Stück – Züschen (SAXON, Mike Gerhold, Lisanne Koll u.v.a.)
15.08 Wehleider Kirmes, Backstuben – Kassel ab ca. 20:00 Uhr (Steven Stealer Band)

Was macht mehr Spaß? Mike Gerhold solo oder Mike, der Frontmann der Steven Stealer Band?

Es ist für mich beides gleichwertig, was den Spaß anbetrifft. Allerdings habe ich bei meinen Sologigs eine größere Freiheit, was die Auswahl und Interpretation der Songs anbetrifft.

Welchen Stellenwert hat die Musik in deinem Leben?

Ich habe zu meiner Frau – wir sind jetzt 18 Jahre zusammen, haben einen gemeinsamen Sohn, sind aber zumindest noch nicht verheiratet, aber ich sag mal „Frau“, weil „Partnerin“ hört sich so doof an – als wir uns kennenlernten gesagt: „Stell mich nie vor die Entscheidung Musik oder du.“
Ich denke, das sagt über den Stellenwert alles aus. Wobei ich natürlich mittlerweile Familienvater bin und da steht meine Familie natürlich ganz oben, aber ohne Musik kann ich nicht. Wenn ich das müsste, wäre ich wohl tot oder nahe dran. Es war für mich der Horror, als ich wegen Stimmbandentzündung und Lungenentzündung Gigs absagen musste und nicht singen konnte. Glücklich schätze ich mich einfach nur, dass meine Frau über die Jahre hinweg bei allem, was das anbetrifft, voll mitgezogen ist und ich hoffe, dass ich noch viele, viele, viele Jahre auf den Brettern, die mir die Welt bedeuten, stehen kann.

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen, die mich und meine Musik über die Jahre kennen und schätzen gelernt haben, von Herzen bedanken. Ihr macht mich mit eurer Anwesenheit bei den Gigs zum glücklichsten Menschen der Welt. Danke.

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